An diesem Sonntag feiern wir den Evangelisten Lukas. Der Arzt und Maler soll als Apostel mit Jesus unterwegs gewesen sein und gilt als Verfasser des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte.
In seinem Evangelium stellt Lukas immer wieder Menschen am Rand der Gesellschaft in den Mittelpunkt. Lukas berichtet davon, wie Jesus Armen, Kranken, Fremden und Sündern mit viel Aufmerksamkeit und Würde begegnet und so die Barmherzigkeit Gottes bezeugt. Ich denke hierbei an die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter oder an den Vater, der seinen verlorenen Sohn mit offenen Armen empfängt, anstatt ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.
Bei der Vorbereitung auf diesen Impuls ist mir aber noch etwas anderes aufgefallen: Lukas verwendet auffallend häufig das Wort „Heute“:
Heute ist euch der Retter geboren.
Heute hat sich das Schriftwort erfüllt.
Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.
Dadurch erinnert Lukas mich, dass das Leben heute geschieht. Hier und jetzt, nicht irgendwann. Lukas berichtet davon, dass es Jesus nicht darum ging, sich mit gestern zu beschäftigen oder an morgen zu denken. Es geht um heute.
Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich wie mir? Ich lebe oft zwischen gestern und morgen, aber nicht im heute. Oft erwische ich mich über Vergangenes nachzudenken, alte Verletzungen mit mir herumzutragen oder auch mit zurückliegenden Entscheidungen zu hadern. Gleichzeitig plane ich schon die Zukunft, schmiede Pläne oder mache mir Sorgen über das Kommende. Während mein Blick zurück oder nach vorne geht, verliere ich den heutigen Tag ganz aus den Augen.
Heute kann ich mich bei jemanden melden, an den ich schon lange denke. Heute kann ich um Verzeihung bitten, einen ersten Schritt auf jemanden zugehen oder sogar einen Streit beenden. Heute kann ich einem anderen ein Lächeln schenken, ein freundliches Wort zusprechen und ihm wirklich zuhören. Heute kann ich etwas für mich tun: Einen Spaziergang machen und die Wolken im Himmel anschauen oder einfach nur einen Moment still werden. Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir der Gedanke, dass das Wesentliche in unserem Leben vielleicht viel unspektakulärer passiert, als wir es uns manchmal vorstellen. Nicht unbedingt bei den großen Ereignissen, auf die wir lange hinarbeiten, sondern mitten in einem ganz gewöhnlichen Tag. Heute.
Natürlich ist es wichtig, sich der Vergangenheit zu erinnern und seine Zukunft nicht ganz dem Zufall zu überlassen. Das Zurückliegende können wir jedoch nicht mehr ändern und die Zukunft liegt noch unbekannt vor uns. Das Heute ist aber da und hält viele Möglichkeiten, Begegnungen und kleine Wunder für uns bereit.
Ich weiß wie schwer es ist, wirklich anwesend zu sein und im Hier und Jetzt zu leben. Gerade deshalb will ich mir für die nächsten Wochen vornehmen, mein Leben nicht nur zu organisieren, sondern auch ein bisschen mehr zu erleben. Vielleicht machen Sie mit und probieren das auch einmal aus?
Vielleicht entdecken wir auch gerade dann, dass Gott uns nicht irgendwann begegnen will, sondern ganz unauffällig heute, mitten an diesem Tag.
Ralf Sauer
Sozialpädagoge und Koordinator im Pastoralen Raum Bad Brückenau und an der Jugendbildungsstätte Volkersberg

