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Kirchenaustritte im Pastoralen Raum Bad Brückenau

Pressebericht Saale-Zeitung

"Viele stellen sich die Gewissenfrage"

In Folge des Münchner Missbrauchsgutachtens treten offenbar auch in Bad Brückenau vermehrt Gläubige aus der katholischen Kirche aus. Die Verantwortlichen des Pastoralen Raums sprechen
offen über die Lage, es sind schwere Zeiten.
Die Aktion #OutInChurch und das Münchner Missbrauchsgutachten bestimmten in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen über die katholische Kirche. Letzteres zog vielerorts einen Anstieg bei den Kirchenaustritten nach sich. Macht sich ein solcher auch in Bad Brückenau bemerkbar? Eine Nachfrage beim Standesamt zeigt: In diesem Jahr sind dort bereits 17 Personen (Stand: 4. Februar) aus der Kirche ausgetreten.
"Es handelt sich hierbei ausschließlich um Personen mit der Konfession römisch-katholisch", berichtet Michael Worschech, Geschäftsleiter der Stadt Bad Brückenau, auf Anfrage. Die Anzahl
der Kirchenaustritte hat sich deutlich erhöht, wie Worschech mit Verweis auf das Jahr 2021 vergleichend bilanziert: Hier stehen in der Statistik des Bad Brückenauer Standesamts - über das gesamte Jahr gerechnet - 47 Kirchenaustritte zu Buche, was die römisch-katholische Konfession betrifft.

Deutlicher Sprung bei den Kirchenaustritten 2018
Im gerade neu errichteten Pastoralen Raum Bad Brückenau kommen die Daten aus den Standesämtern erst nachgelagert an, sodass dort aktuell nur die Austrittszahlen der vergangenen
Jahre vorliegen. In Summe ergeben sich aus den Daten der drei Pfarreiengemeinschaften des Pastoralen Raums in den Jahren 2012 bis 2021 folgende Zahlen bei den Kirchenaustritten: 24, 41, 48, 57, 29, 39, 70, 68, 71, 89.
Vergleicht man die Jahre 2017 (39 Austritte) und 2018 (70), ist ein deutlicher Sprung auszumachen. Dieser bildet sich auch in den Daten der gesamten Diözese Würzburg ab, wie Armin Haas, Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Oberleichtersbach-Schondra und Moderator des Pastoralen Raums Bad Brückenau, berichtet. Ursache hierfür seien möglicherweise die damals weltweit bekanntgewordenen kirchlichen Missbrauchsskandale in Chile und den USA.

Reaktionen auf das Münchner Missbrauchsgutachten
Die aktuellen Austritte infolge des jüngsten Missbrauchsgutachtens sind im Pastoralen Raum noch nicht messbar, Thema ist das Ganze aber natürlich dennoch. "Es sind vor allem die Leute, die in der Kirche - zum Beispiel im Pfarrgemeinderat - engagiert sind, die mich dazu ansprechen", berichtet Anja May, Koordinatorin des Pastoralen Raums und Pastoralreferentin in der Pfarreiengemeinschaft Oberer Sinngrund.
"Sie machen sich Gedanken. Einerseits wollen sie die Institution nicht im Stich lassen, Glaube und Struktur geben einem ja auch Halt, andererseits passt das nicht zu dem, was passiert ist. Die Ehrenamtlichen wissen nicht, wie sie diesen Konflikt für sich lösen sollen." "Die Betroffenheit der Ehrenamtlichen schmerzt uns besonders", ergänzt Haas. "Viele stellen sich die Gewissensfrage: Kann ich zu dieser Kirche noch stehen?"

Selten Rückmeldung zu den Gründen
Bei den Kirchenaustritten, die von den Standesämtern an die Pfarreien gemeldet werden, schreibe man die Ausgetretenen mit einem Brief an, berichtet Haas. Darin wird unter anderem nach den Beweggründen für den Austritt gefragt. "Meistens kommt gar keine Rückmeldung. Aber in Einzelfällen wurde diese Problematik schon beschrieben und zum Beispiel das Kölner Missbrauchsgutachten angeführt." Er habe vor, das 1900 Seiten umfassende Münchner Missbrauchsgutachten durchzugehen, berichtet Haas. "Die Gutachter haben sich sehr viel Mühe gegeben."
Er habe den Eindruck, dass die Verantwortungsträger dem Thema vielfach hilflos gegenüberstanden, sagt Haas. "Was natürlich nichts rechtfertigt. Aber ich bin 62 geboren. Ich weiß, wie man früher über Sexualität geredet hat, oder eben nicht." Die Missbrauchsproblematik sei ein gesellschaftliches Phänomen, das nicht nur in der Kirche so stattgefunden habe. "Die Kirche ist nur der erste Bereich, wo das richtig angeguckt wird." Die Aufarbeitung dieses Systems des Schweigens sei schwierig.
May berichtet, dass sie sich im Nachgang an Situationen erinnert und sich gefragt habe, ob sie da besser hätte hingucken müssen. "Als Mama habe ich auch nochmal einen anderen Blick. Ich verstehe, wenn Eltern sich fragen, wo sie ihre Kinder hinschicken und wem sie vertrauen können."

Im Pastoralen Raum Bad Brückenau und dem Dekanat ein Zeichen setzen
Man sei derzeit noch am Überlegen, wie man in den Pfarreien des Pastoralen Raums oder vielleicht auch im übergeordneten Dekanat auf das Missbrauchsgutachten reagieren könne, berichtet Haas. "Ein Zeichen müssen wir irgendwie setzen. Um zu zeigen: Wir haben verstanden."
Übergeordnet gelte es unter anderem, die Verantwortlichkeitsstrukturen zu ertüchtigen. Er habe den Eindruck, dass die Diözese Würzburg da bereits auf einem guten Weg sei. Bischof Franz Jung beschäftige sich einen Tag in der Woche ausschließlich mit der Aufarbeitung der Missbräuche.
Unabhängig vom Missbrauchsskandal müsse die Sexualmoral der Kirche angepasst werden. "Nur so können wir wieder mit den Menschen unserer Zeit auf Augenhöhe kommunizieren und unbefangen miteinander umgehen", sagt Haas. Auch May unterstreicht, dass ein unbefangenes Umgehen mit der Sexualität wichtig sei. "Sie gehört zum Leben dazu."
Hier kommt zum Beispiel auch wieder die Aktion #OutInChurch ins Spiel, mit der sich zuletzt Kirchenbedienstete und Pfarrer als homosexuell beziehungsweise queer outeten. Auch Bekannte von ihm seien beteiligt gewesen, erzählt Haas. "Ich fand das unheimlich bewegend und die Art und Weise, mit welcher Achtsamkeit und welchem Respekt das dargestellt wurde, hat mich sehr beeindruckt."

Zahl der Kirchenmitglieder insgesamt rückläufig
Insgesamt hat die katholische Kirche in den vergangenen Jahren kontinuierlich Mitglieder verloren. Dabei machen sich nicht nur die Kirchenaustritte, sondern auch der demografische Wandel bemerkbar, wie Haas berichtet. "Das kann ich ganz genau beschreiben, wenn ich mir die Kirchenbesucher der vergangenen zehn Jahre ansehe. Und auch durch Corona haben diese abgenommen. Ich fürchte, dass das nach Corona nicht wieder viel besser wird." Es sei auch anders als früher keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Eltern ihre Kinder taufen lassen, ergänzt May einen weiteren Aspekt des Ganzen.
Man müsse sich natürlich die Frage stellen, wie man damit umgehe. "Es wird weniger die Quantität als vielmehr die Qualität in Zukunft Thema sein", sagt May. "Wichtig ist es, die Menschen im Blick zu haben und positive Perspektiven für ihr Leben zu schaffen. Es geht nicht darum, nur das System zu erhalten." Er gehe seinen Weg im Vertrauen auf Gott, sagt Haas angesichts der für die Kirche schwierigen Zeiten. "Das, was passiert, ist kein reiner Zufall. Wir werden dabei von Gott geführt. Notwendige Reinigungsprozesse gab es in der Kirchengeschichte immer wieder."

Autor: Rebecca Vogt, infranken.de